Kinder, die durchs Raster fallen – Interview mit Corina Elfe
Ein Blick hinter die Kulissen von Schule: Corina Elfe zeigt, warum Neurodivergenz oft übersehen wird und welche strukturellen Veränderungen es für echte Inklusion braucht.
Ein Blick hinter die Kulissen von Schule: Corina Elfe zeigt, warum Neurodivergenz oft übersehen wird und welche strukturellen Veränderungen es für echte Inklusion braucht.
Du hast 17 Jahre als Gymnasiallehrerin gearbeitet und warst auch in der Aus- und Fortbildung von Lehrkräften tätig. Gleichzeitig bringst Du Deine eigene neurodivergente Perspektive und Deine Arbeit als Beraterin ein. Was hat Dich persönlich dazu bewegt, Deine Erfahrungen schließlich in diesem Buch zu bündeln?
Corina Elfe: Gerade weil ich so viele verschiedene Perspektiven auf das Thema “Neurodivergenz und Schule” habe, wurde für mich zunehmend sichtbar, was anderen vielleicht verborgen bleibt. Deshalb habe ich im Frühjahr 2023 Kapierfehler gegründet, um über die Missverständnisse aufzuklären, die zwischen Schule und neurodivergenten Schüler:innen bzw. deren Eltern entstehen können. Am meisten ist mir dieses Problem bei meinen eigenen Kindern aufgefallen, die ebenfalls neurodivergent sind und die mit Eintritt in die Schule bereits häufig missverstanden wurden. Und gleichzeitig merke ich als Fortbildnerin von Lehrkräften, wie viele überhaupt nicht wissen, wo die spezifischen Herausforderungen von neurodivergenten Menschen liegen und dass es ihnen sehr hilft, wenn sie verstehen, wie sie Verhalten einordnen können – und gleichzeitig konkrete Handlungsmöglichkeiten bekommen..
Es handelt sich im Übrigen nicht um persönliches Versagen von Lehrkräften, sondern um ein systemisches Problem, in dem neurodivergente Schüler:innen nicht mitgedacht werden und genau deshalb durchs Raster fallen. Wenn 15–20 % der Schüler:innen neurodivergent sind – und davon gehen wir aktuell aus – gleichzeitig aber zentrales Wissen dazu im System fehlt, entstehen zwangsläufig Schwierigkeiten für alle Beteiligten. Schule hat sich in den letzten Jahren zunehmend zu einem stark von Stress geprägten Ort entwickelt. Genau das ist die Grundlage, auf der Dynamiken entstehen können, die neurodivergente Kinder und Jugendliche, aber auch deren Eltern, immer stärker benachteiligen, diskriminieren und unter diesen Bedingungen können auch Situationen entstehen, in denen Machtmissbrauch möglich wird. Das ist als Folge eines Systems zu betrachten, das das Recht auf Inklusion von vorhandenen Ressourcen oder dem guten Willen einzelner Lehrkräfte abhängig macht.
Je mehr ich verstehe, je mehr ich erkenne, desto stärker meldet sich mein stark ausgeprägter Gerechtigkeitssinn. Mir ist es wichtig, diese Dynamiken sichtbar zu machen und dazu beizutragen, dass neurodivergente Schüler:innen besser verstanden werden und dass Eltern und Lehrkräfte erkennen, wodurch die Benachteiligung konkret entsteht und wie sie diese bestmöglich vermeiden können. Deshalb habe ich das Buch geschrieben.
Durch Deine verschiedenen Rollen hast Du Schule aus vielen Blickwinkeln erlebt. Was hat sich für Dich am stärksten verändert, als Du angefangen hast, Schule auch aus der Perspektive neurodivergenter Schüler:innen zu betrachten?
Corina Elfe: Ich habe plötzlich für vieles Worte und Erklärungen gefunden, das mir schon vorher aufgefallen ist. Es macht einen Unterschied, ob ich als Lehrkraft selbst von exekutiven Funktionsstörungen betroffen bin und weiß, wie es ist, vergesslich zu sein oder nicht ins Tun zu kommen – selbst wenn ich will – oder ob ich diese Erfahrung nicht habe. Durch meine eigene Neurodivergenz sind viele Verhaltensweisen von Schüler:innen für mich intuitiv erklärbar. Mit meiner Weiterbildung habe ich dafür konkrete Worte gefunden. So weiß ich heute, dass unmotiviert wirkende Schüler:innen häufig eher ein Problem mit ihren exekutiven Funktionen haben als mit mir oder meinem Unterricht. Und ich weiß, was ich ausprobieren kann, um ihnen zu helfen, ins Tun zu kommen. Gleichzeitig weiß ich aber auch, dass es manchmal besser ist, sie nicht zu zwingen.
Je mehr Wissen ich mir in dem Bereich aneigne, desto mehr fügen sich meine Erfahrungswelt als Individuum und als Mutter mit meinem Fachwissen zu einem erklärbaren Gesamtbild zusammen. Ich habe meinen Unterricht angepasst, sodass er besser zu mir und meiner Art zu denken passte, und gemerkt, dass das auch für meine Schüler:innen gut funktioniert hat. Ich habe mir plötzlich ganz oft die Frage gestellt: Was braucht ein ADHS-Gehirn, um zu lernen? Was braucht ein autistisches Gehirn, um zu lernen und um sich sicher zu fühlen und habe das stark priorisiert. Das hat sich sehr ausgezahlt und zwar für alle!
Du machst sichtbar, wie viele Kinder und Jugendliche im Schulsystem übersehen werden. Wie erleben diese Schüler:innen Schule aus ihrer Sicht – und was wünschen sie sich am meisten von ihren Lehrkräften?
Corina Elfe: Sie brauchen genau das, was alle Kinder brauchen: Sie wollen gesehen werden und sich der Gruppe zugehörig fühlen. Dafür braucht es sichere Beziehungen zu den Erwachsenen, aber auch zu den anderen Kindern in der Klasse. Sie brauchen Verständnis aus ihrem Umfeld und das Gefühl, dass ihre eigene Wahrnehmung valide ist und ernst genommen wird. Das Problem fängt oft schon damit an, dass neurodivergente Schüler:innen selten im Sitzen oder durch Zuhören lernen können. Was für viele Kinder intuitiv funktioniert und kaum Ressourcen verbraucht, kann für neurodivergente Kinder extrem anstrengend sein. Still-Sitzen kann so viel Energie verbrauchen, dass kaum noch kognitive Ressourcen fürs Lernen verbleiben. Da das Sitzen und Zuhören häufig immer noch als wichtigste Anpassung vorausgesetzt wird, bleibt unsichtbar, wie viele Ressourcen das einzelne Kinder in der Klasse kostet. Wenn das eigene Gehirn nur dann in einen Lernmodus kommt, wenn die Inhalte oder Methoden ihnen einen Zugang ermöglichen, dann stellen sie fest: “Alle anderen können das und ich nicht!” Und dabei bleibt es häufig nicht: Sie werden gebeten, sich mehr anzustrengen oder ermahnt. Viele werden sogar als faul oder unmotiviert bezeichnet. Was sie lernen, ist dann eher: “Ich bin faul” oder “ich bin schlechter als die anderen”. Was sie nicht lernen, ist, warum es ihnen so schwerfällt und dass es tatsächlich nichts mit Faulheit oder fehlender Motivation zu tun hat.
Im Übrigen lernen auch die anderen Kinder in der Klasse, dass neurodivergente Schüler:innen sich nicht genug anstrengen würden, dass sie faul seien oder absichtlich stören würden. Das hat häufig Konsequenzen in Form von Ausgrenzung oder Mobbing.
Ihre Bedürfnisse und Herausforderungen bleiben oft verborgen, weil in Schulen in der Regel davon ausgegangen wird, dass alle neurotypisch sind. Das beinhaltet zwar eine gewisse Heterogenität, setzt aber dennoch voraus, dass ein Gehirn so funktioniert, wie wir es gelernt haben.
Viele Lehrkräfte möchten individuell fördern, stoßen aber an strukturelle Grenzen. Welche Herausforderungen nimmst Du hier besonders wahr – und was würde Lehrkräfte konkret entlasten, um besser auf Vielfalt eingehen zu können?
Corina Elfe: Lehrkräfte wollen auch gesehen werden. Sie tragen eine große Verantwortung und die allermeisten geben ihr Bestes, um ihrer Schule, den Lerninhalten, den Erziehungsberechtigten, der Schulleitung und vor allem den Kindern gerecht zu werden. Gleichzeitig sind ihre Aufgaben in den letzten Jahren massiv gewachsen. Ganztagesstrukturen, Schulentwicklung, Demokratiebildung, Integration und Inklusion sind zentrale Themen geworden. Dafür brauchen sie Zeit, Ressourcen und Fortbildungen – das lässt sich nicht nebenbei leisten. Wenn immer mehr Aufgaben hinzukommen, geraten die eigentlichen Kernaufgaben unter Druck. Beziehungsgestaltung, individuelle Förderung, emotionale Begleitung und die Aufbereitung von Wissen für immer heterogenere Lerngruppen dürfen jedoch nicht zu kurz kommen. Gleichzeitig brauchen Lehrkräfte selbst stabile Arbeitsbedingungen, um Kinder und Jugendliche überhaupt begleiten und tragfähige Beziehungen gestalten zu können.
Die Verantwortung dafür liegt nicht bei Kindern oder Eltern. Sie liegt bei denjenigen, die Schule strukturell gestalten: bei Schulleitungen, Schulträger:innen und politischen Entscheidungsträger:innen. Dort müssen die Voraussetzungen geschaffen werden, damit Lehrkräfte gesund arbeiten können, Wertschätzung erfahren und fachlich gut auf die Realität in ihren Klassen vorbereitet sind.
Diese Perspektive ist stark systemisch und kann sich zunächst frustrierend anfühlen, weil einzelne Lehrkräfte diese Rahmenbedingungen oft nicht direkt verändern können. Gleichzeitig gibt es jedoch einen wichtigen Ansatzpunkt im Alltag: Ein neuroinklusives Umfeld entlastet nicht nur einzelne Schüler:innen, sondern die gesamte Lerngruppe. Wenn neurodivergente Kinder von Anfang an mitgedacht werden, braucht es weniger parallele Sonderlösungen und weniger Disziplinarmaßnahmen, die viel Energie binden und oft wenig wirksam sind.
Du betonst, dass sich nicht die Kinder „reparieren“ müssen, sondern Schule ihre Haltung verändern sollte. Was bedeutet das ganz konkret für eine Lehrkraft im Unterrichtsalltag?
Corina Elfe: Viele Erziehungs- und Unterstützungsmaßnahmen zielen im Moment darauf ab, neurodivergente Kinder an das System anzupassen. Aber das ist genau der falsche Ansatz und er ist ehrlicherweise diskriminierend. Dieser Ansatz basiert nicht nur auf dem Gedanken, Neurodivergenzen ließen sich wegerziehen, wegtherapieren oder weglieben, sondern vermittelt gleichzeitig das Gefühl, dass neurodivergente Kinder schlechter oder falsch sind.
Im Kontakt mit Eltern entsteht dann die Erwartung, sie müssten sich mehr anstrengen oder etwas in ihrer Erziehung verändern, was den Druck in den Familien stark erhöhen kann. Aber diese Familien sind oft bereits deutlich stärker belastet als andere Familien. Viele Eltern und Lehrkräfte haben zudem die Erwartung an sich selbst, das Verhalten neurodivergenter Kinder verändern zu können. Dabei erleben sie dann oft, dass sich unerwünschtes Verhalten sogar häufiger zeigt oder andere unerwünschte Verhaltensweisen hinzukommen.
Ein Kind, das bereits sein Bestes gibt – und davon sollten wir immer ausgehen – dessen Symptomatik jedoch im Umfeld Schule als störend oder unpassend empfunden wird, gerät häufig in einen starken Anpassungsdruck. Dadurch entsteht Stress, der die Symptomatik in der Regel verstärkt, weil genau der Bereich des Gehirns beeinträchtigt wird, der für kontrolliertes, empathisches und kooperatives Verhalten nötig ist.
Symptome sind kein Fehlverhalten, sondern ein Ausdruck eines gestressten, dysregulierten Zustandes oder ein Ausdruck von Über- oder Unterforderung. Schon alleine dieses Wissen und die Suche nach dem Grund für Verhalten, verändert unglaublich viel. Vor allem aber steht plötzlich das Wohl des Kindes im Fokus und nicht das unerwünschte Verhalten. Für ein Kind bedeutet das entweder, gesehen zu werden und sich unterstützt zu fühlen – oder die eigenen Grenzen und die eigene Wahrnehmung verdrängen zu müssen, um dazugehören zu dürfen.
Wenn eine Lehrkraft Dein Buch liest und direkt etwas verändern möchte: Was sind aus Deiner Sicht die wichtigsten ersten Schritte im Umgang mit neurodivergenten oder psychisch belasteten Schüler:innen?
Corina Elfe: Der erste Schritt ist meines Erachtens, das Umdeuten von Verhalten zu trainieren. Stressverhalten von Kindern, das oft als herausforderndes Verhalten wahrgenommen wird, löst in Lehrkräften Gefühle wie Angst und Wut, aber auch Hilflosigkeit, Ohnmacht und Frust aus. Das sind die am häufigsten genannten Gefühle, die Lehrkräfte selbst in meinen Fortbildungen zu herausforderndem Verhalten angeben. Gefühle entstehen durch Gedanken: Lehrkräfte glauben oft, die Verantwortung für das Verhalten von Kindern und Jugendlichen zu haben und gehen davon aus, dass Kinder sie oder ihre Mitschüler:innen absichtlich provozieren oder ärgern. Wichtig ist dabei: Das haben Lehrkräfte so gelernt, das wurde ihnen so beigebracht. Das denken Lehrkräfte nicht, weil sie böse sind. Aus diesen Gedanken entsteht dann der Wunsch zu handeln. Auf herausforderndes Verhalten folgt dann oft eine unmittelbare Reaktion, in der ein klarer Erziehungsgedanke steckt.
Aber Kinder, die im Stress sind, können wir nicht erziehen.
Das wirkt auf den ersten Blick vielleicht ungewohnt, hilft aber sehr dabei, eine professionelle Haltung zu entwickeln. Lehrkräfte können die Absicht hinter dem Verhalten nicht erkennen. Deshalb ist es auch wichtig, Kindern keine böse Absicht zu unterstellen, sondern sie stets zu entlasten. Das bedeutet, wenn ein Kind herausforderndes Verhalten zeigt, dann ist das ein Zeichen dafür, dass die Belastungsgrenze dieses Kindes sehr wahrscheinlich überschritten wurde. Statt erziehend eingreifen und damit den Stress des Kindes noch weiter zu erhöhen, hilft es sehr, auf die Suche nach dem Grund für das Verhalten zu gehen. Verweigerung bedeutet zum Beispiel meistens: “Ich fühle mich der Aufgabe nicht gewachsen und habe Angst davor, zu versagen”. Deshalb hilft es nicht, den Druck zu erhöhen. Stattdessen ist es sinnvoll, gemeinsam nach dem Problem zu suchen, das für das Kind unüberwindbar scheint. Dieser Blickwinkel, bei dem stets nach einem Auslöser gesucht wird, ändert die Gefühlslage von Lehrkräften. Sie wissen, dass sie nicht mehr sofort reagieren müssen und dass sie auch nicht erzieherisch eingreifen müssen. Statt Angst, Wut und Hilflosigkeit sind dann Interesse und Neugier die überwiegenden Gefühle. Sie gehören zu den aktivierenden Gefühlen und helfen Lehrkräften dabei, eine langfristige Lösung zu finden und die Wahrnehmung des Kindes besser zu verstehen. Diese Vorgehensweise stärkt im besten Fall auch die Beziehung zwischen Lehrkraft und Kind.
Ein zweiter und wichtiger Schritt ist das Sichtbar-Machen von Vielfalt. Wir haben bisher noch nicht über die neurodivergenten Schüler:innen gesprochen, die stark maskieren, die sich also sehr stark anpassen und dabei ihre eigenen Grenzen überschreiten. Dieses Maskieren hat einen hohen Preis, den sie häufig mit ihrer psychischen Gesundheit und dem Verlust ihrer eigenen Identität bezahlen müssen. Ganz konkret könnte eine Lehrkraft zum Beispiel ein Gedankenexperiment mit ihrer Klasse durchführen, bei dem alle Schüler:innen aus der Klasse 7 Energiekugeln zur Verfügung haben. Sie könnte sagen: “Stellt euch vor, ihr habt 7 Energiekugeln, wenn ihr morgens aufwacht. Mit wie vielen Kugeln kommt ihr hier in der Schule an?”. Die Antworten werden sehr verschieden sein und genau das ist das Wertvolle daran, denn es macht sichtbar, wie groß die Unterschiede zwischen den einzelnen Schüler:innen sind aber auch welche Tätigkeiten wen wie viel Energiekugeln kosten. Das kann man bereits mit einer ersten Klasse machen aber auch in der Oberstufe. Und im Übrigen lohnt es sich auch, das als Lehrkraft einmal selbst durchzuspielen, um die Energiefresser im Schulalltag ausfindig zu machen.
Unter dem Namen „Kapierfehler“ erreichst Du mit Podcast und Social Media sehr viele Menschen. Wie bist Du auf diesen Namen gekommen – und was bedeutet er für Dich in Bezug auf Lernen und Schule?
Corina Elfe: Der Name Kapierfehler ist sehr bewusst gewählt. Für mich war es wichtig, diese Fehler zu benennen, die im Umgang mit neurodivergenten Kindern gemacht werden. Wenn ein Kind unaufmerksam ist und ihm fehlende Motivation unterstellt wird oder wenn ein Kind sich nicht traut, vor der Klasse zu sprechen, und ihm dann fehlendes Wissen zugeschrieben wird. Das betrifft auch Eltern, denen unterstellt wird, sie würden sich nicht ausreichend kümmern. Das erzeugt viel Leid und Frust. In der Konsequenz ist damit niemandem geholfen.
Lehrkräfte handeln dabei in der Regel in dem Glauben, das Richtige zu tun. Ihnen wurde beigebracht, Schüler:innen, die sich nicht melden, einfach aufzurufen. Ihnen wurde beigebracht, dass Kinder, die im Unterricht zeichnen, gerade nicht aufpassen wollen. Sie glauben, sie haben es verstanden und handeln aus diesem Glauben heraus logisch und konsequent.
Deshalb nenne ich das Kapierfehler, weil es Fehler sind, die auf veraltetem oder fehlerhaftem Wissen passieren. Ich sehe meine Aufgabe darin, Kapierfehler zu benennen – allerdings im Sinne eines Growth Mindsets: Es sind Fehler, aus denen wir lernen können und die Lehrkräfte zu besseren Pädagog:innen machen können.
Du setzt Dich für eine neuroinklusive Schule ein. Wie würde für Dich eine Schule aussehen, in der wirklich kein Kind mehr durchs Raster fällt – und was würde sich dadurch auch für Lehrkräfte verändern?
Corina Elfe: Ein System, in dem Kinder nicht mehr durchs Raster fallen, verfügt über ausreichend Ressourcen, um sie zu begleiten – und zwar auf Augenhöhe. Lehrkräfte lernen bereits im Studium, wie neurodivergente Schüler:innen lernen und welche Barrieren für sie im Schulalltag entstehen können. Darauf aufbauend gestalten sie Unterricht so, dass von Anfang an alle mitgedacht werden und nicht erst im Nachhinein angepasst werden muss.
Ein solches Schulsystem geht davon aus, dass Kinder unterschiedlich lernen und sich unterschiedlich entwickeln. Es braucht daher Strukturen, die es ermöglichen, im eigenen Tempo zu lernen, ohne dass daraus automatisch Nachteile entstehen. Das bedeutet auch, dass starre Zuordnungen nach Alter oder Schulform aufgebrochen werden müssen. Kinder dürfen nicht aufgrund mangelnder Passung im System von Schulart zu Schulart weitergereicht werden, bis sie unter ihren Möglichkeiten bleiben oder ganz verloren gehen.
Gleichzeitig ist Schule längst mehr als ein Ort der Wissensvermittlung. Lehrkräfte werden zu wichtigen Bezugspersonen für Kinder und Jugendliche. Damit sie diese Rolle gut ausfüllen können, brauchen sie selbst stabile Arbeitsbedingungen, Zeit für Beziehungsgestaltung, Möglichkeiten zur fachlichen Weiterentwicklung und Räume für Austausch und Reflexion. Sie dürfen nicht darauf reduziert werden, Inhalte zu vermitteln oder an messbaren Leistungen bewertet zu werden.
Ein inklusives Schulsystem arbeitet multiprofessionell und verlässlich vernetzt. Externe Fachpersonen, unabhängige Beratungs- und Meldestellen sowie die Perspektiven von Betroffenen müssen selbstverständlich eingebunden sein. Dabei ist entscheidend, dass auch neurodivergente Perspektiven aktiv einbezogen werden, um blinde Flecken im System zu vermeiden. Und letztlich bedeutet eine solche Schule auch, Minderheitenschutz ernst zu nehmen. Sie schafft Strukturen, die Kinder nicht nur integrieren, sondern aktiv vor Diskriminierung schützen und ihnen echte Teilhabe ermöglichen.
Was sich dadurch für Lehrkräfte verändert, ist entscheidend: Sie müssen nicht mehr ständig versuchen, Kinder in ein System zu pressen, das nicht passt. Stattdessen arbeiten sie in einem Rahmen, der von vornherein darauf ausgelegt ist, Vielfalt zu tragen. Das reduziert Druck, Konflikte und Überforderung und schafft mehr Raum für das, was Schule eigentlich leisten soll: Beziehung, Entwicklung und Lernen.

Hörspiele im Unterricht erstellen