Demokratiebildung ist aktuell ein zentrales Thema. Was hat euch persönlich dazu bewegt, Upgrade Demokratie lernen zu schreiben? Gab es einen Moment, in dem euch klar wurde, wie dringend das ist?
Nikola Poitzmann: Für mich war es kein einzelner Moment, sondern viele kleine Beobachtungen, die sich verdichtet haben. Gespräche mit Schüler:innen, die sich nicht gehört fühlen. Lehrkräfte, die sich zwischen Stoffdruck und Haltung aufreiben. Und gesellschaftliche Entwicklungen, die zeigen, wie fragil – und aktuell auch gefährdet – demokratische Prozesse sind.
Wir erleben eine Zeit, in der Polarisierung zunimmt, in der einfache Antworten verlockend wirken und in der das Vertrauen in demokratische Strukturen brüchiger wird. Genau deshalb reicht es nicht mehr, Demokratie nur zu erklären – wir müssen sie erlebbar machen.
Irgendwann wurde klar: Demokratie ist nichts, das „später“ gelernt wird. Sie entsteht im Alltag. In Beziehungen. In der Art, wie wir miteinander sprechen, entscheiden, Konflikte lösen.
Das Buch ist aus dem Wunsch entstanden, genau das sichtbar zu machen: Dass Demokratiebildung kein Zusatz ist, sondern der Kern von Bildung. Und dass Schule ein Ort sein kann, an dem junge Menschen erleben: Meine Stimme zählt.
Kati Ahl: Ein Auslöser war für uns die Erfahrung, dass Demokratie in Schule oft thematisiert wird, aber zu selten wirklich erlebt werden kann. Oft bleibt es bei der Scheinbeteiligung. In meinem Podcast “Schule, lass mal reden” habe ich allerdings selbst erfahren, wie schwierig echte Beteiligung sein kann. Es wollten anfangs kaum Kinder und Jugendliche mitsprechen.
Gleichzeitig haben wir beobachtet, wie sehr sich gesellschaftliche Spannungen auch im Klassenraum zeigen: durch Polarisierung, Unsicherheit oder auch Rückzug. Uns wurde klar: Demokratiebildung ist kein Zusatz, sondern eine Frage der Haltung und der täglichen Praxis.
Wir wollten ein Buch schreiben, das Lehrkräfte darin unterstützt, genau diese Erfahrungen im Alltag zu ermöglichen – damit Schule ein Ort wird, an dem Beteiligung nicht nur besprochen, sondern wirklich gelebt wird. Dabei können die vielen Praxisbeispiele und Interviews im Buch helfen!
Ihr verbindet Demokratiebildung mit den 4K-Kompetenzen. Warum passt das aus eurer Sicht so gut zusammen und was fehlt im Unterricht, wenn diese Verbindung nicht gelingt?
Nikola Poitzmann: Die 4K – Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken – sind im Grunde die Werkzeuge, die Demokratie erst möglich machen.
- Ohne Kommunikation gibt es kein Zuhören.
- Ohne Kollaboration kein gemeinsames Aushandeln.
- Ohne kritisches Denken keine fundierten Entscheidungen.
- Und ohne Kreativität keine Vorstellung davon, wie Zukunft anders gestaltet werden kann.
Gleichzeitig braucht Demokratie mehr als diese vier Kompetenzen:
Sie braucht emotionale Intelligenz, also die Fähigkeit, eigene Gefühle wahrzunehmen und die Perspektiven anderer zu verstehen.
Und sie braucht Krisenkompetenz – die Fähigkeit, mit Unsicherheit, Ambivalenz und Spannungen umzugehen, ohne vorschnell nach einfachen Antworten zu greifen.
Gerade hier zeigt sich die Verbindung zu den Future Skills, wie sie beispielsweise von Pechstein und Schwemmle (2023) beschrieben werden: Es geht um Selbstwirksamkeit, Reflexionsfähigkeit und die Kompetenz, in komplexen, offenen Situationen handlungsfähig zu bleiben.
Wenn diese Verbindung fehlt, bleibt Demokratie oft abstrakt. Dann sprechen wir über Demokratie, aber wir leben sie nicht.
Was fehlt, ist die Erfahrung:
- dass ich Teil eines Prozesses bin.
- dass ich etwas bewirken kann.
- dass Unterschiedlichkeit kein Problem ist, sondern ein Potenzial.