Kinder mit Traumaerfahrung verstehen und begleiten
Erfahre im Interview mit Feline Lunge, wie du deinen Unterricht traumasensibel gestalten kannst.
Erfahre im Interview mit Feline Lunge, wie du deinen Unterricht traumasensibel gestalten kannst.
Feline Lunge: Als ich nach meinem Studium in die Praxis startete, bemerkte ich schnell, mit wie vielen „Päckchen“ Kinder in die Schule kommen. Ich fühlte mich auf die Begleitung dieser Kinder nicht ausreichend vorbereitet und war häufig überfordert. Mir wurde deutlich, dass viele Verhaltensweisen, die im Schulalltag als schwierig erlebt werden, Ausdruck innerer Not sind und nicht von mangelndem Willen. Aus diesem Grund habe ich eine Weiterbildung zur Traumapädagogin gemacht und möchte mein Wissen nun mit anderen interessierten Lehrkräften teilen, weil Schule ein zentraler Lebensort ist, an dem Kinder täglich viele Stunden verbringen und weil Schule mit dem traumasensiblen Blick ein sicherer Ort für alle Kinder werden kann.
„Traumata führen bei Kindern häufig zu besonders tiefgreifenden Verletzungen, da sie über deutlich weniger Bewältigungsstrategien, weniger Schutzmöglichkeiten und weniger Einfluss auf ihre Lebensumstände verfügen.“

Feline Lunge: In meinen Augen gibt es zwei besonders fatale Missverständnisse. Zum einen wird häufig unterschätzt, wie viele Kinder potenziell traumatische Erfahrungen machen. Viele Kinder bleiben mit diesen Erfahrungen allein, ohne dass es Lehrkräften oder anderen Erwachsenen auffällt. Zum anderen hält sich hartnäckig die Annahme, dass Traumatisierungen in der Kindheit nicht so schlimm seien, da Kinder „das besser wegstecken“ oder „sich das auswächst“. Das Gegenteil ist der Fall: Traumata führen bei Kindern häufig zu besonders tiefgreifenden Verletzungen, da sie über deutlich weniger Bewältigungsstrategien, weniger Schutzmöglichkeiten und weniger Einfluss auf ihre Lebensumstände verfügen.
Feline Lunge: Ein erster wichtiger Schritt ist das Wissen darüber, dass Trauma Auswirkungen auf die kognitiven, emotionalen und sozialen Fähigkeiten von Kindern hat. Dieses Verständnis eröffnet die Chance, das Verhalten von Schüler*innen neu zu betrachten und angemessener darauf zu reagieren. Statt Verhalten vorschnell zu bewerten oder zu sanktionieren, können Lehrkräfte die Frage stellen: „Was könnte dieses Kind gerade brauchen?“
So wird es möglich, weniger mit Strafen zu reagieren und stattdessen mit Verständnis, Sicherheit und Anerkennung ihrer Lebensleistung. Das entlastet nicht nur die Kinder, sondern auch die Lehrkräfte selbst.

Feline Lunge: Sieh nicht hinter jedem Verhalten eine Provokation. Jedes Verhalten hat einen guten Grund und kann eine Überlebensstrategie sein. Schau genau hin – auch bei den Kindern, die leise und unauffällig sind. Gestalte einen Ort, der für alle Kinder sicher ist, denn du wirst nie wissen, ob und wie viele Kinder deiner Klasse traumatisierende Erfahrungen gemacht haben oder gerade machen. Hilfreich sind dabei klare Strukturen, verlässliche Rituale, transparente Regeln und eine wertschätzende Kommunikation. Traumasensibilität beginnt nicht bei Methoden, sondern bei der inneren Haltung.
Feline Lunge: Ich erhoffe mir, dass wir für Kinder, die bereits Trauma erfahren haben, ein Gegengewicht darstellen können. Häufig hilft schon eine korrigierende Beziehungserfahrung, um Leid zu lindern und wieder Zuversicht zu vermitteln.
Darüber hinaus wünsche ich mir, dass wir Kinder stärken und ihre Resilienz erweitern, damit sie in unserer Welt auch als erwachsene Personen gut bestehen können.
Traumasensible Schulen profitieren dabei insgesamt: Das Lernklima verbessert sich, Beziehungen werden stabiler und Konflikte können konstruktiver gelöst werden.
Lernen ist so viel mehr als fachliche Inhalte. Es ist immer auch Beziehung, Sicherheit und emotionale Entwicklung.
