Schule mit Kopf, Herz, Hand und KI – Interview mit Johannes Claassen
KI verändert unser Bildungssystem – doch wie können wir unsere Schule mit zunehmender Technologie noch menschlicher machen?
KI verändert unser Bildungssystem – doch wie können wir unsere Schule mit zunehmender Technologie noch menschlicher machen?
Lieber Johannes, dein Buch heißt „Schule mit Kopf, Herz, Hand und KI. Wie KI die Schule menschlicher macht“. Was war deine Motivation, dieses Buch gerade jetzt zu schreiben und warum war es dir wichtig, KI explizit mit „Kopf, Herz und Hand“ zu verbinden?
Als ChatGPT Ende 2022 veröffentlicht wurde, war mir sofort klar, dass sich hier etwas auftut, das die Art, in der wir Schule gestalten, zwingend infrage stellen wird. Ich persönlich bin nicht in den Schuldienst eingetreten, weil ich das bestehende System kritiklos unterstütze, ganz im Gegenteil. Ich trat an, um Veränderungen in Unterricht und Schule im Rahmen meiner Möglichkeiten anzustoßen. Die starke Fokussierung auf die Anhäufung abprüfbaren Wissens und die Vernachlässigung eines ganzheitlichen Ansatzes widerspricht meiner Vorstellung von nachhaltigem Lernen und der Überzeugung, dass Schule die Aufgabe hat, Menschen in Gemeinschaft wachsen zu lassen und ihnen ein vielfältiges Angebot zur Entfaltung zu bieten. All das sind keine neuen Ideen. Sie zeigen sich seit Langem in den unterschiedlichen reformpädagogischen Bewegungen. Ganz prägnant bringt es der von Pestalozzi geprägte Begriff des Lernens mit Kopf, Herz und Hand auf den Punkt. Nun, da unser Kopf – also unsere kognitiven Fähigkeiten – Konkurrenz und gleichzeitig Unterstützung durch eine neue Art von Intelligenz bekommt, bietet sich eine ganz neue und dringende Möglichkeit, die Art, in der wir Schule gestalten, zu überdenken.
Du verbindest im Titel KI mit einer „menschlicheren Schule“. Für viele klingt das erstmal widersprüchlich: Technologie vs. Menschlichkeit. Wie genau kann KI Schule aus deiner Sicht menschlicher machen und wo liegen auch Grenzen dieser Idee?
Der scheinbare Widerspruch löst sich auf, wenn man fragt: Was kostet Lehrkräfte heute die meiste Zeit und Energie? Erklären, wiederholen, korrigieren, differenzieren und das für 25 bis 30 Kinder gleichzeitig, die alle unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen. Das ist strukturell kaum lösbar. Nicht weil Lehrkräfte es nicht wollen, sondern weil das System sie zwingt, einen Großteil ihrer Zeit mit Wissensvermittlung zu verbringen, statt mit dem, was sie eigentlich unersetzlich macht: Beziehung, Inspiration, echte Begleitung.
KI kann die Wissensvermittlung individualisiert und geduldig übernehmen. Sie erklärt dieselbe Sache zehnmal auf zehn verschiedene Arten, ohne ungeduldig zu werden. Sie passt das Tempo an, gibt sofortiges Feedback und dokumentiert, wo jemand steht. Das schafft Zeit, und genau diese Zeit ist der Schlüssel. Denn was Schule menschlicher macht, ist mehr Raum für das, was keine Maschine leisten kann: das klärende Gespräch, wenn jemand feststeckt. Die Lehrkraft, die merkt, dass ein Kind heute nicht bei der Sache ist, weil zu Hause etwas nicht stimmt. Der Moment, in dem echtes Staunen in der Gruppe entsteht.
Die Grenzen der Technologie im Klassenzimmer müssen klar sein. KI kann Empathie simulieren, aber nicht empfinden. Sie kann keine Werte leben, weil sie selbst keine hat. Und sie kann das produktive Ringen, das echtem Verstehen vorausgeht, eher umgehen als fördern. Wenn KI jeden Denkwiderstand glättet, entsteht zwar Effizienz, aber kein tiefes Lernen. Die Arbeitsteilung ist entscheidend: KI übernimmt die individualisierte Grundlagenvermittlung, Menschen übernehmen alles, was Beziehung, Haltung und echte Herausforderung braucht.
Eine Passage in deinem Buch lautet: „Stell dir vor, du liest eines Morgens folgende Meldung:
„Neue KI kann praktisch alles: Sie schreibt bessere Texte als die besten Autor:innen, löst mathematische Probleme schneller als alle Nobelpreisträger:innen und komponiert Musik, die zu Tränen rührt.“ Was bringst du deinen Schüler:innen an diesem Tag bei?“ Das zeigt eine grundlegende Frage im Umgang mit KI. Was wäre deine Antwort auf die Frage: Was brauchen Kinder wirklich, wenn KI nahezu alles kann?
Kinder brauchen die Erfahrung, dass ihr Handeln etwas bewirkt. Dass eine Idee von ihnen dazu beiträgt, ein echtes Problem zu lösen. Dass sie scheitern können, wieder aufstehen und dabei merken, wie sie sich entwickeln. Das klingt selbstverständlich, aber in vielen Klassenzimmern wird das noch zu wenig gelebt.
Sie brauchen außerdem die Fähigkeit, gute Fragen zu stellen und kritisch zu reflektieren. Wer nicht präzise fragen und hinterfragen kann, wird weniger durchschauen und weniger an Gestaltungsprozessen teilhaben.
Und sie brauchen Menschen um sich herum. Menschen, mit denen sie zusammenarbeiten, sich austauschen, Menschen als Vorbilder, Menschen als Reibungsfläche, Menschen, die begeistern können und die Anteil nehmen. Lernen ist kein Wettkampf mit einer Maschine, sondern etwas, das im Miteinander passiert und das einen Sinn hat, der über Noten und Abschlüsse hinausgeht.
Wenn KI oft schneller und umfassender Antworten liefert als Lehrkräfte im Unterricht:Was bleibt dann die eigentliche Aufgabe von Lehrkräften und wo müssen sich Lehrkräfte vielleicht auch unbequemen Veränderungen stellen?
„Der Geist ist kein Gefäß, das gefüllt, sondern ein Feuer, das entfacht werden will“ – dieser Satz von Plutarch bekommt in einer Welt, in der KI jede Faktenfrage in Sekunden beantwortet, eine ganz neue Dringlichkeit.
Was bleibt, wenn das Erklären von Basiswissen und das Korrigieren weitgehend von Maschinen übernommen werden? Es bleibt das Wesentliche. Die Lehrkraft, die spürt, wann jemand Ermutigung braucht. Die einen Konflikt nicht als Störung behandelt, sondern als Lerngelegenheit. Die ein Kind sieht, nicht nur seine Leistung.
Wer vorrangig ausgebildet wurde, um Wissen zu vermitteln und zu benoten, muss Unterstützung bekommen, um in neu gewichtete Rollen zu wachsen: Lernbegleitung, Konfliktmoderation, Beziehungsgestaltung. Die meisten Lehrkräfte sind aber nicht in den Beruf gegangen, um Arbeitsblätter zu korrigieren. Sie wollten etwas bewegen. KI gibt ihnen die Chance, endlich wieder genau das zu tun.
Wo siehst du die größten Risiken, wenn Schulen KI zu unkritisch einsetzen, gerade in Bezug auf eigenständiges Denken und echtes Lernen?
Die größte Gefahr bei einem unkritischen Einsatz von KI sehe ich in der Erosion der kognitiven Anstrengung. Wenn wir KI lediglich als Abkürzung nutzen, riskieren wir, dass Bildung vom echten Verstehen zum reinen Ergebnis-Liefern verkommt. Das Kernproblem ist der Verlust der kognitiven Reibung: Echtes Lernen braucht Widerstand, doch die KI glättet alle Hürden. Werden komplexe Aufgaben oder das Strukturieren von Texten zu früh delegiert, fehlt dem Gehirn der notwendige Trainingsreiz, um tiefgehende Problemlösungskompetenzen aufzubauen.
Gleichzeitig droht ein massiver Rückgang der individuellen Urteilskraft. Da KI-Modelle oft sehr souverän auftreten, aber faktisch falsch liegen können, benötigen Schüler mehr denn je ein starkes eigenes Wissensfundament, um die Ergebnisse kritisch zu hinterfragen. Ohne diese Basis wird ‚gut formuliert‘ fälschlicherweise mit ‚inhaltlich richtig‘ gleichgesetzt. Letztlich schwächt dies auch den eigenständigen Ausdruck: Da Schreiben eine Form des Denkens ist, führt das Auslagern der Texterstellung zum Verlust der eigenen Stimme. Wir müssen daher den Fokus in der Schule dringend vom Endprodukt zurück auf den Lernprozess lenken, damit die KI zum Sparringspartner wird und nicht zur intellektuellen Krücke.
Viele Lehrkräfte fühlen sich durch KI eher verunsichert als entlastet.
Was wären aus deiner Sicht erste, wirklich sinnvolle Schritte, um KI im Unterricht einzusetzen, ohne dass Lernen oberflächlicher wird?
Ich glaube, der wichtigste erste Schritt ist eine entspannte Grundhaltung. Es geht am Anfang nicht um perfekte Abläufe, sondern um ein gemeinsames Ausloten der Möglichkeiten mit den Schülern. Besonders in heterogenen Klassen ist die Differenzierung bei textlastigem Material oft eine enorme Belastung für die Lehrkraft.
Hier bietet KI eine echte Chance: Man kann beispielsweise über Plattformen wie Fobizz einen KI-Assistenten konfigurieren, der sich exakt auf das aktuelle Unterrichtsmaterial bezieht. Dieser dient den Lernenden dann als individueller Begleiter bei der Erschließung der Inhalte, ohne ihnen die Denkarbeit abzunehmen. So wird die KI zum Brückenbauer für das Verständnis, während die Lehrkraft den Kopf frei bekommt, um die Schüler dort zu unterstützen, wo es pädagogisch am meisten zählt, im persönlichen Gespräch und beim vertiefenden Transfer.
Wenn KI jederzeit verfügbar ist, geraten klassische Prüfungen ins Wanken. Welche Formen der Leistungsbewertung brauchen wir deiner Meinung nach in Zukunft – und wovon sollten wir uns dringend verabschieden?
Wir müssen uns dringend von der Illusion verabschieden, dass ein isoliertes Endprodukt, wie eine zu Hause geschriebene Hausarbeit, heute noch ein verlässlicher Leistungsnachweis ist. In einer Welt, in der Ergebnisse auf Knopfdruck entstehen, verliert das reine Produkt an Wert. Das bedeutet für unsere Schulen, dass wir die Balance zwischen summativen und formativen Bewertungen völlig neu denken müssen.
Wir sollten weg von der rein summativen Ergebniskontrolle am Ende einer Einheit, die oft nur noch abprüft, wer die KI am geschicktesten bedient hat. Stattdessen brauchen wir eine stärkere formative Begleitung: Die Bewertung muss den gesamten Lernprozess abbilden. Wenn wir Zwischenschritte, Reflexionen und den kritischen Umgang mit KI-Entwürfen in die Note einbeziehen, machen wir echtes Verständnis wieder sichtbar.
In Zukunft wird die Währung der Bildung nicht mehr das fertige Dokument sein, sondern die Erklärungs- und Reflexionsfähigkeit der Lernenden. Das bedeutet auch eine Rückkehr zu mehr Präsenzformaten und Transferaufgaben, in denen Schüler zeigen, dass sie ihr Wissen flexibel anwenden und KI-Vorschläge souverän einordnen können. Kurz gesagt: Wir müssen den Fokus vom Korrigieren fertiger Produkte hin zur Begleitung und Diagnostik individueller Denkwege verschieben.
