Erfahre im Interview mit Nicole J. Fritzler, wie ein fundiertes Verständnis von AD(H)S den Blick auf Verhalten verändert und wie du daraus konkrete, wirksame Strategien für deinen Unterricht ableiten kannst.
11. Juni 2026
In deiner Online-Fortbildung geht es um AD(H)S im schulischen Kontext. Ein “Trend-Thema“. Warum ist dieses Thema für Lehrkräfte heute so wichtig und was sind aus deiner Sicht die größten Missverständnisse rund um ADHS?
Dr. Nicole J. Fritzler: AD(H)S ist im schulischen Alltag längst kein Randthema mehr. Lehrkräfte begegnen regelmäßig Schüler*innen mit Schwierigkeiten in Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Selbstregulation – unabhängig davon, ob bereits eine Diagnose vorliegt. Gerade deshalb ist das Thema so relevant: Schule erfordert ein hohes Maß an Selbststeuerung, an dem viele betroffene Kinder an ihre Grenzen stoßen. Studien zeigen, dass AD(H)S zu den größten individuellen Risikofaktoren für nicht gelingende Bildungsprozesse zählt.
Gleichzeitig spielt Schule eine zentrale Rolle im diagnostischen und unterstützenden Prozess. Lehrkräfte sind oft die ersten, die Auffälligkeiten wahrnehmen, beteiligen sich an Einschätzungen und stehen im Austausch mit Eltern. An dieser Schnittstelle entscheidet sich häufig, ob Schüler*innen passende Unterstützung erhalten oder sich Schwierigkeiten weiter verstärken.
Ein häufiges Missverständnis ist, Verhalten vorschnell als fehlende Motivation, Absicht oder mangelnden Willen zu deuten. Tatsächlich handelt es sich bei AD(H)S unter anderem um eine neurobiologisch bedingte Beeinträchtigung der Selbstregulation – also genau der Fähigkeiten, die für Lernen, planvolles Handeln und Impulskontrolle entscheidend sind.
Ebenso wird AD(H)S oft mit auffälligem oder störendem Verhalten gleichgesetzt. Dabei gibt es unterschiedliche Erscheinungsformen, die nicht immer sichtbar sind. Zudem können auch Schüler*innen ohne AD(H)S ähnliche Verhaltensweisen zeigen.
Und schließlich hält sich auch die Annahme, AD(H)S sei ein „Trend“ oder werde zu häufig diagnostiziert. Das greift zu kurz. Viel wichtiger ist die Frage: Wie gelingt es uns, Verhalten differenziert einzuordnen und Schüler*innen unabhängig von einer Diagnose gezielt zu unterstützen? Genau hier setzt die Fortbildung an: Sie soll Lehrkräfte dabei begleiten, Verhalten besser zu verstehen, typische Denkfehler zu hinterfragen und konkrete Handlungsmöglichkeiten für den Unterricht zu entwickeln.
„Ein häufiges Missverständnis ist, Verhalten vorschnell als fehlende Motivation, Absicht oder mangelnden Willen zu deuten.“
Du beschreibst AD(H)S als neurologische Entwicklungsstörung. Wie hilft ein wissenschaftlich fundiertes Verständnis Lehrkräften dabei, Verhalten im Unterricht anders zu sehen und professioneller zu reagieren?
Dr. Nicole J. Fritzler: Ein wissenschaftlich fundiertes Verständnis von AD(H)S verändert vor allem die Perspektive auf Verhalten. Wenn Lehrkräfte wissen, dass es sich um eine neurobiologisch bedingte Entwicklungsstörung handelt, wird deutlich: Viele Verhaltensweisen entstehen nicht aus Unwillen, mangelnder Motivation oder bewusster Provokation, sondern aus Einschränkungen in der Selbstregulation – also genau in den Fähigkeiten, die im schulischen Alltag ständig gefordert sind.
Das hat direkte Konsequenzen für das pädagogische Handeln. Statt Appellen wie „Konzentrier dich doch einfach“ oder rein sanktionierenden Maßnahmen rückt eine andere Frage in den Mittelpunkt: Welche Funktion hat das Verhalten – und was braucht das Kind oder der*die Jugendliche, um sich besser steuern zu können?
Ein fundierter Blick hilft außerdem, Verhalten differenziert einzuordnen: zwischen entwicklungsbedingten Mustern, situativen Einflüssen und möglichen Hinweisen auf AD(H)S zu unterscheiden. Das verhindert vorschnelle Zuschreibungen und verbessert die Kommunikation im Kollegium und mit Eltern. Gleichzeitig schafft dieses Verständnis die Grundlage für wirksame Unterstützung: durch Struktur, klare Anweisungen, visuelle Hilfen und Verstärkersysteme – also Maßnahmen, die an den tatsächlichen Schwierigkeiten ansetzen.
Kurz gesagt: Der Fokus verschiebt sich weg von Bewertung hin zu Verständnis – und damit zu wirksamerem pädagogischen Handeln.
Dr. Nicole J. Fritzler ist Psychologin (M.Sc.), die neben ihrer wissenschaftlichen und dozierenden Tätigkeit an der Universität Bielefeld (Pädagogische Psychologie) bereits seit 2015 im lerntherapeutischen und beraterischen Bereich tätig ist – insbesondere im Hinblick auf Lern- und Schulthemen sowie Elternberatung. Nebenberuflich arbeitet sie vor allem mit Eltern von Schüler*innen mit Lernschwierigkeiten – hauptsächlich im Bereich Lese-/Rechtschreibschwierigkeiten bzw. -störung (LRS) sowie Aufmerksamkeits-(Hyperaktivitäts-)Störung (AD[H]S).
Als Autorin und Dozentin gibt sie ihr Wissen auch in Form von (Fach-)Publikationen sowie über Online-Workshops und -Fortbildungen weiter. Ihr Online-Angebot zur Begleitung von Eltern sowie zu Vorträgen und Workshops für Lehr- und Fachkräfte ist auf der Website zu finden.
Welche konkrete Rolle kann und sollte Schule im diagnostischen Prozess bei AD(H)S übernehmen – und wo liegen klare Grenzen der Verantwortung von Lehrkräften?
Dr. Nicole J. Fritzler: Schule nimmt im diagnostischen Prozess eine zentrale, aber klar abgegrenzte Rolle ein. Lehrkräfte sind oft die ersten, denen Auffälligkeiten im Verhalten auffallen, da sie Schüler*innen über längere Zeit in unterschiedlichen Situationen beobachten. Diese Beobachtungen sind ein wichtiger Baustein der Diagnostik.
Die Aufgabe der Schule besteht darin, Verhalten differenziert und systematisch zu beobachten, beschreibend zu dokumentieren und im Austausch mit den Eltern transparent zu machen – ohne zu etikettieren. Zudem können Lehrkräfte beratend unterstützen, indem sie Eltern helfen, nächste Schritte in Richtung fachlicher Diagnostik zu gehen.
Gleichzeitig ist es wichtig, die Grenzen klar zu benennen: Lehrkräfte stellen keine Diagnose und entscheiden nicht über therapeutische Maßnahmen. Diese Verantwortung liegt bei entsprechend qualifizierten Fachstellen wie Kinder- und Jugendpsychiaterinnen oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen. Entscheidend ist dabei auch die Sprache im Elterngespräch: Statt Zuschreibungen sollte konsequent beschreibend formuliert werden.
Auch im Umgang mit diagnostischen Ergebnissen gilt: Informationen werden ausschließlich freiwillig durch die Eltern weitergegeben. Schule kann hier nur im Dialog arbeiten.
Viele Lehrkräfte fragen sich: Wie gehe ich mit Schüler*innen mit ADHS um, ohne andere Kinder zu vernachlässigen oder „unfair“ zu sein? Wie kann man trotzdem die ganze Klasse im Blick behalten?
Dr. Nicole J. Fritzler: Diese Sorge ist absolut nachvollziehbar und sie zeigt, wie wichtig ein differenzierter Blick ist. Wichtig ist zunächst: Unterstützung für einzelne Schüler*innen bedeutet nicht automatisch Ungleichbehandlung, sondern kann im Gegenteil dazu beitragen, faire Lernbedingungen für alle zu schaffen. Viele Maßnahmen, die bei AD(H)S hilfreich sind (wie klare Strukturen, visualisierte Arbeitsaufträge oder kurze, überschaubare Arbeitsphasen), kommen oft der gesamten Klasse zugute. Entscheidend ist, dass Unterstützung nicht nur individuell, sondern auch strukturell gedacht wird: Also nicht „Ich kümmere mich zusätzlich um diese/n eine/e Schüler*in“, sondern „Ich gestalte meinen Unterricht so, dass mehr Schüler*innen davon profitieren“.
Gleichzeitig kann es punktuell sinnvoll sein, einzelne Schüler*innen gezielt zu unterstützen, etwa durch kurze Rückmeldungen, visuelle Hilfen oder klare Absprachen. Das muss aber nicht bedeuten, dass die gesamte Aufmerksamkeit dauerhaft auf eine/n Schüler*in gerichtet ist. Und ein wichtiger Gedanke ist dabei: Gerechtigkeit im Unterricht bedeutet nicht, dass alle das Gleiche bekommen, sondern dass alle das bekommen, was sie brauchen, um gut lernen zu können.
Welche alltagstauglichen Tipps und Haltungsänderungen möchtest du den Lehrkräften noch mitgeben, um sie direkt im Klassenzimmer auszuprobieren?
Dr. Nicole J. Fritzler: Ein zentraler Impuls lautet: Weniger über Verhalten sprechen, sondern es stärker strukturieren. Viele Schüler*innen mit AD(H)S profitieren weniger von mündlichen Appellen als von klaren äußeren Strukturen. Konkret heißt das: Arbeitsaufträge sichtbar machen, Materialien schrittweise vorstrukturieren und mit kurzen, überschaubaren Arbeitsphasen arbeiten, die auch Pausen enthalten.
Ein zweiter wichtiger Punkt ist die Haltung: Verhalten nicht als Absicht oder Provokation verstehen, sondern als Ausdruck eingeschränkter Selbstregulation. Das verändert den Umgang unmittelbar – weg von Bewertung, hin zu Unterstützung.
Hilfreich ist außerdem, sich auf wenige, klar definierte Ziele zu konzentrieren, statt alles gleichzeitig verändern zu wollen. Ein konkretes Verhaltensziel ist oft wirksamer als allgemeine Erwartungen. Kleine, erreichbare Schritte führen eher zum Erfolg als große Anforderungen. Ganz praktisch helfen unmittelbare Rückmeldungen, visuelle Erinnerungen und feste Routinen, den Alltag zu strukturieren – für Schüler*innen und Lehrkräfte.
Der zentrale Gedanke zum Mitnehmen: Nicht „Wie bringe ich den/die Schüler*in dazu, sich anzupassen?“, sondern „Was kann ich verändern, damit Selbststeuerung besser gelingt?“
Online-Fortbildung:
AD(H)S verstehen und im Schulalltag wirksam unterstützen
In dieser Online-Fortbildung setzt Du Dich fundiert und praxisnah mit dem Thema AD(H)S im schulischen Kontext auseinander. Ziel ist es, verbreitete Mythen und vorschnelle Zuschreibungen aufzubrechen und ein differenziertes, wissenschaftlich fundiertes Verständnis von AD(H)S als neurologischer Entwicklungsstörung zu entwickeln.
Erfahre im Interview mit Nicole J. Fritzler, wie ein fundiertes Verständnis von AD(H)S den Blick auf Verhalten verändert und wie du daraus konkrete, wirksame Strategien für deinen Unterricht ableiten kannst.
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