Werkzeug oder Abkürzung? Was KI für unser Lernen bedeuten
Neue Ergebnisse aus PISA 2025 und eine Langzeitstudie aus China zeigen: Entscheidend ist nicht nur, ob Schüler*innen KI nutzen – sondern vor allem, wie sie KI-Tools nutzen.
Neue Ergebnisse aus PISA 2025 und eine Langzeitstudie aus China zeigen: Entscheidend ist nicht nur, ob Schüler*innen KI nutzen – sondern vor allem, wie sie KI-Tools nutzen.
Ein schwieriger Text wird in wenigen Sekunden zusammengefasst. Die Gliederung für den Aufsatz steht nach einem Prompt. Eine Mathematikaufgabe kann erklärt oder direkt gelöst werden. Generative KI kann Schüler*innen heute an vielen Stellen Arbeit abnehmen – und genau das macht sie zu einem so leistungsfähigen Werkzeug.
Doch was bedeutet das für das Lernen? Denn Lernen ist mehr als das Produzieren eines guten Ergebnisses. Es entsteht beim Nachdenken, Ausprobieren, Erinnern, Verwerfen und Korrigieren – und häufig genau dort, wo es anstrengend wird. Damit stehen wir bei generativer KI vor einer entscheidenden Unterscheidung: Nutzen wir KI als Werkzeug, das uns beim Lernen unterstützt? Oder als Abkürzung, mit der wir den eigentlichen Lernprozess umgehen? Zwei aktuelle Untersuchungen geben darauf noch keine abschließende Antwort. Sie zeigen aber, warum wir uns viel stärker mit der Frage nach dem Wie? bei der KI-Nutzung beschäftigen müssen.
Generative KI ist längst Teil des Lernalltags vieler Jugendlicher. Die aktuellen PISA-Ergebnisse zeigen, dass im OECD-Durchschnitt 46 Prozent der Schüler*innen mindestens wöchentlich KI-Chatbots nutzen, um sie beim Lernen zu unterstützen. Beim Zusammenhang zwischen Nutzungshäufigkeit und Leistung zeigt sich allerdings kein einfaches „Je mehr KI, desto besser“. Schüler*innen, die KI moderat als Lernhilfe einsetzen, erreichen etwas bessere Leistungen als diejenigen, die gar keine KI-Tools nutzen. Wird KI allerdings regelmäßig zur Erstellung von Textentwürfen für Hausaufgaben genutzt, zeigen sich negative Zusammenhänge mit den gemessenen Leistungen.
Wichtig ist dabei: PISA zeigt Zusammenhänge, keine Ursache-Wirkungs-Beziehungen. Wir können daraus also nicht schließen, dass häufige KI-Nutzung schlechtere Leistungen verursacht. Die Ergebnisse werfen aber eine wichtige Frage auf: Wann unterstützt KI das Lernen – und wann wird sie zur Abkürzung?
Genau an diesem Punkt wird eine aktuelle Langzeitstudie aus China interessant. Für The Generative AI Learning Penalty: Evidence from Chinese Secondary Education untersuchten Forschende über 30 Monate mehr als 26.000 Schüler*innen der Klassenstufen 7 bis 12. Dabei betrachteten sie unter anderem Hausaufgabenergebnisse und Bearbeitungszeiten sowie monatliche Prüfungen ohne Hilfsmittel. Zunächst zeigt sich genau das, was KI so attraktiv macht: Die Schüler*innen werden produktiver. Nach etwa sechs Monaten KI-Nutzung steigen ihre Hausaufgabenergebnisse um 18 Prozent. Gleichzeitig sinkt die durchschnittliche Bearbeitungszeit von 64 auf 45 Minuten. Bessere Ergebnisse in weniger Zeit – eigentlich ein Erfolg. Gleichzeitig sinken jedoch die Ergebnisse der monatlichen Prüfungen ohne Hilfsmittel um rund 20 Prozent. So werden Schüler*innen in den Hausaufgaben besser und schneller, können dies in den Prüfungen ohne Hilfsmittel allerdings nicht anwenden.
Das macht deutlich, warum wir zwischen Ergebnis und Lernprozess unterscheiden müssen. Wenn KI eine Aufgabe übernimmt, kann sie sehr schnell zu einem guten Ergebnis führen. Fällt dabei aber genau die kognitive Auseinandersetzung weg, die für das Lernen notwendig gewesen wäre, haben Schüler*innen zwar Zeit gewonnen, möglicherweise aber eine Lerngelegenheit verloren.
Wir lernen nicht erst in dem Moment, in dem die richtige Antwort auf dem Papier steht. Lernen passiert beim Versuch, diese Antwort selbst zu finden: beim Erinnern, Verknüpfen, Ausprobieren, Fehler machen und Korrigieren. Generative KI kann genau diese Prozesse unterstützen. Sie kann sie aber auch übernehmen. Und genau hier liefert die China-Studie einen besonders interessanten Hinweis. Die Lernverluste konzentrieren sich laut den Forschenden auf die ungefähr 80 Prozent der KI-nutzenden Schüler*innen, die nach Einführung der KI deutlich weniger Zeit für ihre Hausaufgaben aufwenden. Die Autorinnen sprechen von„Homework Outsourcing“. Gleichzeitig gibt es eine andere Gruppe: Schüler*innen, die KI verwenden, aber weiterhin ähnlich viel Zeit in ihre Aufgaben investieren wie Schüler*innen ohne KI. Sie erreichen im Durchschnitt vergleichbare Prüfungsergebnisse – bei gleichzeitig besseren Hausaufgabenergebnissen.
Die Forschenden weisen selbst darauf hin, dass der Zusammenhang zwischen Bearbeitungszeit und Prüfungsleistung nicht einfach kausal interpretiert werden darf. Dennoch ist der Befund für die schulische Diskussion spannend: Nicht jede KI-Nutzung scheint gleich zu sein.
Was das für das Lernen bedeuten kann, lässt sich an einfachen Beispielen zeigen. Ein Schüler kann einen KI-Chat fragen: „Löse diese Aufgabe für mich.“ Oder: „Gib mir einen Hinweis für den nächsten Schritt, aber verrate mir noch nicht die Lösung.“ Eine Schülerin kann einen Text automatisch zusammenfassen lassen. Oder sie schreibt zunächst selbst eine Zusammenfassung und fragt anschließend: „Welche wichtigen Aspekte habe ich übersehen?“ KI kann eine komplette Argumentation schreiben. Sie kann aber auch Gegenargumente liefern, kritische Rückfragen stellen oder eine selbst entwickelte Argumentation auf Schwachstellen überprüfen.
Das Werkzeug bleibt dasselbe. Der Lernprozess ist ein anderer. Genau deshalb bedeutet KI-Kompetenz mehr als gutes Prompting. Schüler*innen müssen auch lernen zu entscheiden, wann KI ihnen Arbeit abnehmen darf und wann gerade die eigene Denkarbeit das Lernziel ist.
Damit stellt generative KI auch eine grundlegende Frage an die Aufgabenkultur in Schule. Wenn eine KI einen Text innerhalb weniger Sekunden zusammenfassen kann, ist die entscheidende Frage nicht automatisch, ob Zusammenfassungen als Aufgabe noch sinnvoll sind. Viel wichtiger ist: Was soll dabei gelernt werden? Geht es darum, möglichst schnell eine gute Zusammenfassung zu erhalten? Dann kann KI ein sinnvolles Werkzeug sein. Sollen Schüler*innen dagegen lernen, wichtige Informationen zu erkennen, Inhalte zu gewichten und sie in eigenen Worten wiederzugeben? Dann wäre die fertige KI-Zusammenfassung eine Abkürzung an genau dem Lernprozess vorbei, den wir eigentlich anregen möchten. Das gilt ebenso für Präsentationen, Argumentationen, Rechercheaufgaben oder Programmieraufgaben. Ob KI sinnvoll eingesetzt wird, hängt nicht allein von der Aufgabe ab, sondern vom Lernziel dahinter.
Eine zentrale Frage für Lehrkräfte wird deshalb künftig sein: Welche Denkleistung möchte ich mit dieser Aufgabe anregen – und welche davon darf KI übernehmen?
Die aktuellen Forschungsergebnisse sind kein Argument dafür, generative KI aus Schule herauszuhalten. Dafür ist sie längst zu sehr Teil der Lebens- und Lernwelt von Schüler*innen. Natürlich braucht es weiterhin Phasen, in denen bewusst ohne KI gearbeitet wird. Grundlagen müssen aufgebaut, Fähigkeiten eingeübt und Wissen auch unabhängig von digitalen Werkzeugen verfügbar sein. Gleichzeitig brauchen Schüler*innen Lerngelegenheiten mit KI. Sie müssen erfahren, wie KI erklären, Feedback geben, Rückfragen stellen oder beim Üben unterstützen kann. Und sie müssen lernen, Ergebnisse kritisch zu prüfen und die Grenzen eines KI-Systems einzuschätzen. Denn der Zugang zu einem KI-Chat allein ist noch keine KI-Kompetenz.
Die Forschung dazu, wie generative KI langfristig auf Lernen wirkt, steht noch am Anfang. Die aktuellen Studien beantworten deshalb längst nicht alle Fragen. Sie machen aber deutlich, welche Fragen wir jetzt stellen müssen: Welche Kompetenzen müssen Schüler*innen weiterhin sicher ohne KI beherrschen? Wann unterstützt KI einen Lernprozess und wann ersetzt sie ihn? Wie verändern sich Hausaufgaben und Prüfungen, wenn KI jederzeit verfügbar ist? Und wie gestalten wir Aufgaben so, dass KI nicht nur bessere Produkte ermöglicht, sondern tatsächlich zum Lernen beiträgt? Die entscheidende Frage lautet deshalb längst nicht mehr nur: Sollten Schüler*innen KI nutzen? Sie lautet vielmehr: Wann ist KI ein Werkzeug, das uns besser lernen lässt – und wann wird sie zur Abkürzung, die genau den Teil überspringt, den wir eigentlich lernen sollten?
Diese Entscheidung kann uns keine KI abnehmen. Und vielleicht ist genau das eine der wichtigsten KI-Kompetenzen, die wir Schüler*innen heute vermitteln können.
Transparenzhinweis: Dieser Text wurde mit Hilfe der fobizz KI-Tools erstellt.
